Wirft Licht auf Töne

Rote Rarität

Liebe Leser,

kann einer von Ihnen vielleicht weiterhelfen? Beim Stöbern fand ich neulich eine ganze Kiste Schellack-Platten. Eine davon sah besonders spannend aus -aber ist das überhaupt Schellack? Das Material ist etwas leichter und in feinstem Dunkelrot gehalten. Könnte das bereits ein frühes 78er Vinyl anno 1946 sein?

Die Infos sind knapp – ein Label gibt es nur auf der Vorderseite.

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Und dann hab ich da noch etwas in eigener Sache. Nur mal um zu sehen, wer das hier unten noch liest: Meine 83 Schellacks werden verschenkt. Alles, was Sie machen müssen, ist

  • eine Mail an adrian.schoene[at]gmx.de schreiben
  • in Hamburg vorbeikommenern
  • einen Kaffee mit mir trinken
  • die Kisten mitnehmen

Die Platten sind aus verschiedenen Genres (Sinfonik, Opernquerschnitte, Tanzmusik, Operette, Arien, Chansons, Klaviermusik). Der Zustand ist schwer verschieden – von zerkratzt, verstaubt und verwellt bis hin zu g+. Sie kommen in zwei Koffern und zwei Alben, alles aus den 30er oder 40er Jahren. Wenn Sie wissen wollen, was Sie da inhaltlich erwartet: Ich habe die Labels abfotografiert und beantworte Fragen.

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Heute ist ein guter Tag

Seit die Deutsche Telekom mit StreamOn ein Vertragskonstrukt anbietet, das den Datentransfer bestimmter Streaming-Dienste („Partner“) nicht mehr ins monatliche Datenvolumen fallen lässt, bin ich dabei. Ich kenne die Diskussion um die Netzneutralität. Ich habe die AGBs für Partner gelesen. Und ich habe „meinen“ Streaminganbieter gefragt, ob sie nicht Partner werden wollen. Denn was habe ich von StreamOn? YouTube nutze ich nur sporadisch, beim ZDF schaue ich gelegentlich mal eine Folge Bares für Rares, das war’s dann auch schon. Aber meinen Streaming-Dienst, der mich als Sublime-Kunde schon ne Menge Geld kostet und den ich gerade wegen seiner kleinen Klassik-Labels liebe und schätze – den nutze ich unterwegse immer mit diesem doofen Hintergedanken: Eine Stunde gehört – sind schon wieder 380MB weg. Kannste ja eigentlich zu Hause in die Offline-Liste laden, geht ja auf’s Datenvolumen.

Das ist nicht sonderlich entspannt.Bis jetzt.

Das lange Warten scheint sich gelohnt zu haben: Qobuz ist seit neuestem dabei, und die Streaming-Welt bekommt das Gesicht, das sie in der Werbung immer trägt: Voller Zugrif, immer und überall.

Off-HiFi: Wandlung im doppelten Sinne

Liebe Leser,

Upcycling ist keine neue Idee. Seit Jahren führen uns kreative Menschen vor Augen, wie viel wir wegwerfen. Es ist so viel, dass es sogar reicht um alle Arten von Kunsthandwerk, Gebrauchsgegenständen und Designs zu produzieren, ohne dass unser Wohlstandsmüll dadurch wesentlich reduziert würde. Es ist zu viel.

Nun können wir darüber betrübt sein, wir können aber auch unsere Äpfel lose nach Hause tragen. Wir sollten nachhaltige Produkte kaufen und allgemein mehr auf die lange Haltbarkeit von Konsumgütern achten. Wir HiFi-Verrückten sind da mit dem eingebauten Gewissens-Doping versorgt: Unsere Anschaffungen überleben das nächste Handy um den Faktor 10. (Dass der so langlebige japanische SET-Verstärker im Laufe seiner hifidelen Lebenszeit die Energieressourcen einer Großfamilie verschlingt , ist ein anderes Thema…)

Um wieder auf’s kreative Upcyceln zu kommen – das ist für mich nicht die Lösung. Es ist eiun wertvoller Hinweis, es ist kreatives Statement, bewusster Umgang mit Materialien, es ist Perspektivenwechsel und manchmal ist es einfach schön.

Die Hamburgerin Marina Nörren gestaltet unter dem Label „Transformator-Art“ Schmuck aus Elektronik. Sie verwandelt schnöden bis ultra-edlen Elektroschrott in hoch individuelle, tragbare Kunst. Der hier dargestellte Anhänger ist Wandlung in dreierlei Hinsicht.

  1. Vom Schrottteil zu einem Paar Manschettenknöpfe (damals noch mit dem Kunststoffgehäuse).
  2. Nach dem Verlust des Linken wurde der Rechte geöffnet und zum Anhänger umgearbeitet.
  3. Und schließlich Wandlung, Aspekt Nr. 3: Der Baustein ist tatsächlich ein früher Digital-Analog-Wandler von Burr-Brown (DAC801k).

Wer sich die wunderbaren Arbeiten von Frau Nörren selbst besehen möchte, findet sie oft samstags von 11-18 Uhr beim „Der.Die.Sein Markt“ im Unilever-Haus. Zum Abschluss gibt es noch ein paar Manschettenknöpfe – mann kann ja nie genug davon haben…

Marina_MK

 

Nicht von dieser Welt.

Draußen regnet es, lässt vergessen, dass wir eine Jahreszeit namens „Sommer“ kennen. Der Sommer findet nämlich dem Kalender nach gerade statt. Mein Empfinden ist anders.

Der Trompeter Ambrose Akinmusire macht Jazz – der Besetzung nach. Doch was da zu hören und zu fühlen ist, funktionert nicht immer wie Jazz. Das ist keine Musik für Kopf und Beine, das trifft ganz tief ins Gemüt, fast unerkärlich, nicht ganz von dieser Welt. Björk lässt grüßen, und der Regen ist plötzlich keine lästige Begleiterscheinung mehr. Er gehört jetzt genau hier hin. In diesen Sommer, in diesen Moment.
Gutes Beispiel: „Our Basement“ vom Album „The Imagined Savior Is Far Easier To Paint“.

Bin begeistert!

 http://player.qobuz.com/#!/track/15000732

Sascha Wenzel: Eine kleine Nachkritik

Von einem der Auszog, einen neuen Lautsprecher zu suchen – und in Berlin fündig wurde

Ein Gastbeitrag von Sascha Wenzel, dem ich an dieser Stelle nochmals herzlich dafür danken möchte.

Warum Nachkritik? Ja, warum eigentlich? Über die Lautsprecher von Heiner Martion sind schon so einige Lobhudeleien in HiFi Gazetten erschienen. Meist war der Entwickler, Manufacteur und Mastermind Heiner Basil Martion der Aufhänger zu solchen Stories über Exodus, Orgon und Bullfrog, wie die Modelle  aus seiner Manufaktur heißen. Zu Recht:  Heiner Basil ist nicht nur sehr netter Mensch, er ist einer, mit dem man nicht nur über HiFi reden kann – sehr selten in dieser Szene.

Also, warum eine Nachkritik? Weil, so meine ich, so oft über nach HiFi Kriterien geschriebenen Besprechungen nicht bis zum Kern des Ganzen vordringen. Nämlich der für meine Begriffe sehr speziellen und spezifischen Art der Musikreproduktion der Lautsprecher aus dem Hause Martion. Eigentlich sollen Lautsprecher ja gar nicht klingen. Sie sollen das reproduzieren, was reinkommt. Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen. Elektrische Spannung und Strom mit Musikinformationen getaktet in Luftmodulation umwandeln. Und das möglichst bei jeder Lautstärke und in jedem Umfeld. Funktioniert nur leider nicht. Nicht nur, dass der Mensch noch lange nicht über alle Messinstrumente und Messkriterien verfügt, um Klang  im Raum genau zu beschreiben und valide zu bewerten. Deshalb bewertet der Mensch und somit schwingt ja auch immer eine sehr subjektive Sicht der Dinge in der Klangbeurteilung mit. Noch dazu ist auch weniger geübten Musikhörern klar zu vermitteln, dass unterschiedliche Lautsprecher sehr unterschiedlich klingen, auch wenn sich diese unterschiedlichen Lautsprecher sehr ähnlich messen.  Welcher ist nun richtiger, besser und somit vorzuziehen? Ist wie mit Wein. Schmeckt gut ist noch lange kein Kriterium. Welcher Wein ist der beste? Welcher ist besser als der andere. Eben.

Die HiFi Presse macht das Gleiche, wie die Publikationen, die sich mit Wein, Kaffee, Bier & Beef beschäftigen. Sie macht dann Rankings mit Punkten, Sternen etc. Meist sind die teuersten Produkte die mit den Meisten. Da werden Kriterien abgearbeitet und zum Schluss ein Fazit gezogen, möglichst so neutral, dass die Konkurrenz trotzdem weiter Anzeigen schaltet.  Ist ja auch nicht Ehrenrührig sondern ist einfach so. Redakteure haben da&dort ein wenig Narrenfreiheit und reiten ihre Steckenpferde – ansonsten gilt die Redaktionslinie: nur niemand verärgern.

Also: eine Nachkritik, weil die derzeitige Inkarnation der Bullfrog von H.B. Martion bei mir einen besonderen Nerv getroffen hat, der viel mit Musikhören aber nichts mit HiFi zu tun hat.

Es ist etwa  ein Jahr her ist es nun, da war ich zu Besuch bei Heiner Basil Martion. Den kenne ich aus meiner Zeit als jobbender Student in einem HiFi Laden in Mannheim seit etwa Mitte der 80er. Martion brachte zu Beginn der 90er bei der Auslieferung einer Exodus an einen Kunden mal ein Paar Boxen vorbei, die er anders als die Exodus auch alleine tragen konnte: die Bullfrog. Damals noch mit einem 38 cm Breitbänder bestückt machte die Bullfrog vor allem eines: Lärm ohne Ende. Gleichzeitig gab sie die Musik dermaßen lebendig wieder, dass man sogar Extremlangweiler wie Barclay James Harvest mit Vergnügen hören konnte – oder Roxy Music oder auch Modern Talking (würg). Vor einem Jahr also zu Gast bei Martion hörte ich seine neuen Bullfrogs – die ohne das Gitter mit den beiden Konzentrischen Metallringen und der lustigen Nase. Martion hatte einige Zeit gebraucht, seine Bullis, wie er sie liebevoll nennt, auf ein anderes Chassis umzurüsten, weil die alten nicht mehr zu kriegen waren. Erstmal als rein aktive Lösung geplant – der Wirkungsgrad von Bass und Mittelhochton liegt sehr weit auseinander – hat Martion im letzten Herbst nun eine passive Weiche fertig gehabt und wir hörten ein Weilchen. Zu den Unterschieden schreibe ich später etwas. Der Stachel saß jedenfalls: beides tönte toll wenngeich auch mit unterschiedlichen Charaktern.

Das mit dem Stachel muss ich präzisieren, denn das ist es eigentlich, was mir an den Martion-Lautsprechern immer sehr gefallen hat:  diese Live-Präsenz, die Fähigkeit zu suggerieren, dass das, was aus den Boxen kommt, gerade für dich produziert wurde  -hier und jetzt, dass kaum ein anderer Lautsprecher, den ich kenne musikalische Strukturen so offen legt und das Zusammenspiel von Musikern so schlüssig übersetzt. Die die Grenzen zwischen Musik und Zuhörer einreißt, die ja durch die  Konserve (Platte, CD, Stream), dem Abspielprozess, den Verstärkern bis hin zu  den Schwingungen der Luftmoleküle im Wohnzimmer vorgegeben sind. Es ist ein sehr direkter Zugang zur Musik. Ungeschminkt, manchmal sehr anstrengend, wenn die Musik die Anstrengung verlangt. Die Lautsprecher malen gleichsam perfekte musikalische Gemälde ins Zimmer und treffen genau und exakt den NervusMusikalis – wenn es ihn denn gibt. Es ist wie einen Planeten direkt zu sehen: durch das Okular eines Fernrohrs den Saturn zu betrachten ist mit nichts zu vergleichen. Da kommt kein noch so scharfes Foto ran und erst recht kein noch so tolles 4k Fernsehen. Den Kontakt zur Musik auf diese Weise herzustellen, schafft mbMn kein anderes Lautsprecherfabrikat – und sei es noch so teuer, groß und aufwändig. Das hat nichts mit Technik, knowhow oder Materialeinsatz zu tun. Einzig der klare Blick auf das Ziel – was soll am Ende herauskommen, wie will ich, dass die Musik im Raum erklingt, wie helfe ich durch das Material zur Kunst??  Zu wolkig? Ich glaube, dass das Verständnis, was Musik mit uns anrichtet bzw. anrichten soll, der Schlüssel zu einer genussorientierten Musikwidergabe zu Hause ist, Habe ich ein Ziel vor Augen, wie es klingen soll? Das von Heiner Basil Martion und mir scheint ziemlich ähnlich zu sein. Und beobachtet man die Vorführungen seiner Produkte auf Messen, so scheint seine Art Musik hören zu wollen vielleicht nicht allgemeingültig zu sein, so aber doch ziemlich vielen Menschen zu gefallen.

Nun gibt es also mit der Bullfrogneben den wirklich nicht wirklich billigen Modellen Einhorn und Orgon eine Volksvariante seiner Lautsprecher, die nicht weniger authentisch klingen aber auch in kleinen Räumen funktionieren und auch für kleine Leute bezahlbar sind. Das ist schön.

A‘ propos bezahlbar:  die aktive Variante der Bullfrog, die man allerdings nur vom Computer oder von Geräten mit digitalen regelbaren AES/EBU-Ausgängen vernünftig betreiben kann, ist letztlich konkurrenzlos günstig. Um die Variante mit passiver Weiche so weit zu kriegen, wie die aktive, muss  man deutlich 5-Stellig für AD-Wandler und Verstärker ausgeben.

Tipps zum Betrieb einer aktiven Bullfrog gibt es bei Martion. Von mir ein kleiner Hinweis: ein Mac Mini mit einem guten Audioplayer inklusive einer 64 Bit Lautstärkeregelung, eine Mutec-USB-Soundcard und Griffin USb-Mate zur Lautstärkeregelung kosten zusammen keine 1700€ und das klingt schon fulminant. Und der Hersteller kann diese Version noch auf den Stellplatz hin einmessen. Meine Horch-Elektronik klingt an der passiven Variante noch ein wenig besser. Aber da kostet der D/A-Wandler schon mehr als die Box.  Ob und wie man zum Beispiel eine aktive Bullfrog in eine SONOS- oder Meridian-Umgebung einbinden könnte weiß ich nicht – aber vorstellbar ist das auf jeden Fall. Der Grund, warum ich erstmal weiter mit der passiven Weiche Musik höre ist mein Plattenspieler. Den an ein digitales Set-Up anzuschließen und ohne Qualitätseinbußen zu betreiben ist nicht trivial und schon gar nicht billig. Ich bin in Berlin in Sachen Lautsprecher fündig geworden und wie heißt es so schön im Märchen: Und sie lebten glücklich bis ans Ende…..

MartionBullfrog gehört mit

Horch Stream, Balance und 3.0s; Plattenspieler von Frank Schröder und Phonostufe Horch Sigma
Mac Mini, RME Fireface 400; Mutec ;Audoplayer. Pure Music, Mediacenter 22 für Mac

Francis Poulenc: Konzert für zwei Klaviere und Orchester

Das hier geht unter dem Motto: Was ist der schönste Mozart, der nicht aus Mozarts Feder stammt? Für mich ist es dieses 1932 entstandene humoristische Klavierwerk – auch sonst eines der beliebtesten Konzerte für zwei Klaviere. Der Mittelsatz sprüht nur so vor Floskeln und vereinfachten Zitaten, der Rest ist großartige Filmmusik, die in ihrem Witz dem lieben Mozart noch um einiges näher kommt als durch ihre stilistischen Anleihen.

Drauf gekommen bin ich durch die Aufnahme des veritablen Mozart-Kenners Jos van Immerseel (bei Qobuz: http://player.qobuz.com/#!/album/3760009292475), die es bei Amazon auch als CD zu kaufen gibt. Bei Qobuz hat die Geschichte dafür 24 Bit Dynamik.

Gemeinsam mit der Anima Eterna Brügge wird hier mal wieder richtig musiziert – mit Sinn für Phrasierung, ordentlich Dynamik, schmissigem Tempo und grandios leuchtenden Klangfarben, vor allem in den Streichern. Die Produktion ist klangtechnisch wie fast alles aus der Outhere-Label-Familie einfach fantastisch! Ne richtig feine Sonntags-Platte!

Erfahrungsbericht: Martion Bullfrog aktiv

Der Weg zum Ziel

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Seit ziemlich genau drei Jahren begleiten sie mich nun, meine “neuen” Lautsprecher. Das erscheint mir als ausreichend lang um mich einzuhören, Grenzen auszutesten und Stärken zu verorten. Und an Stärken haben sie jede Menge zu bieten, diese eigenwilligen Würfel, die, wenn man das Konzept dahinter begreift, gar nicht anders aussehen dürfen als ganz genau so!

In meinem Artikel widme ich mich aber nicht nur Martions Extrem-Monitor. Im Sinne einer konsequenten Kette betrachte ich auch die anderen Gerätschaften vor dem Lautsprecher – und die sind bis auf den Verstärker alle rein digital! Ja, auf dieser Spielwiese tummeln sich nicht nur die Linns und Backes & Müllers der Welt. Auch der Manufakturhersteller aus Berlin hat die konzeptionellen Vorteile der digitalen Kette für seine Art des Lautsprecherdesigns erkannt und setzt sie dermaßen überzeugend um, dass man (in diesem Falle ich) sich gar nicht mehr vorstellen kann auf andere Weise Musik aus der Konserve zu hören.


Mein erstes Zusammentreffen mit Heiner Basil Martion war 2010 in Hamburg. Damals saß er zwischen zwei kleinen silbernen röhrenförmigen Monitoren, die auf den Namen „Luzy“ hörten. Dazu gehörte ein Subwoofer mit dem vielsagenden Namen „i-Mer“. Ich wusste nicht, wer da saß und was dieser Mensch sonst schon über Jahrzehnte in der Hifi-Geschichte angestellt hatte. Allein die Namensgebung und die für Messeverhältnisse ungewöhnliche Musikauswahl verrieten, dass da jemand richtg viel Humor hatte.

Es gab keine esoterischen Erklärungen, keine Materialien aus der Raumfahrt, keine von japanischen Gurus im Mondschein freihandgelöteten Single-Ended-Preziosen. Luzy hatte sich PA-verstärkung aus der Disko mit nach Haus gegebracht und machte einfach ordentlich Musik.

In den drei Folgejahren wechselten meine heimischen Lautsprecher, ich sortierte mich neu (erst Dali, dann Sonics) und machte auf Messen viele schöne (Focal, Manger), einige lehrreiche (Grimm Audio) und bisweilen zwiespältige Hörerfahrungen. Naja, Hauptsache Erfahrungen, und zwar mit den eigenen Ohren. Die Folge waren bei mir drei Erkenntnisse:

  1. Den blumigen Behauptungen der gängigen Hifi-Presse kann ich kaum noch etwas abgewinnen.
  2. Mit der so oft suggerierten Relation aus höherem Preis und „besserem“ Klang stimmt was nicht.
  3. Ich mag da etwas intolerant erscheinen, aber einige Lautsprecher-Konstuktionen klingen prinzipbedingt schon übel – die Überarbeitung in der x-ten Generation und Preisschilder im Bereich halber/ganzer Jahresgehälter ändern daran nun mal nichts.

Die Situation kennen wir alle: Erfahrungen in einem dermaßen individualisierten Markt wie dem für Lautsprecher bringen erstmal nur die Erkenntnis, was man alles nicht will. Und trotz dieser demotivierenden Ausgangslage ist der gemeine HiFi-Abhängige ständig auf der Suche – es ist essentieller Bestandteil des Spiels. Also dienen die Artikel in Audio, Image Hifi, LP und Co. nurmehr der Orientierung. Das eigentliche Jagdrevier nach der Kette, die einfach mal alles richtig macht sind dann Messen, Händler- und Privatvorführungen und die DIY-Veranstaltungen.

Meine Jagd dauerte bis zur HighEnd 2013 . Ich hatte zwei anstrengende Messetage hinter mir, so viel belangslose Musik, so viele mediokre Technik, so viel Vertrieb, so wenig Kultur. Und dann landete ich „zum Ausruhen“ bei Basil Martion. Er spielte mit den Bullfrog, abseits des Messetrubels. Wir hörten aus Schostakowitschs Sinfonie Nr.14 das „De Profundis“. Ich war angekommen.

Das Produkt – Teil 1: Der Lautsprecher

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Was ist diese Bullfrog eigentlich? Ein aktives Koaxial-Horn? Ein Zwei-Wege-Kompakt-Monitor mit Raumanpassung? Eine digital gefilterte High-End-PA? Alles richtig – auf jeden Fall haben wir im Hochton ein Horn!

Der Hornmund misst satte 29 Zentimeter, vergrößert um einen der beiden charakteristischen konzentrischen Alu-Ringe, deren äußerer den mächtigen 15-Zöller umschließt. Der 1,5-Zoll-Durckkammertreiber des Koax-Gespanns spielt durch die Polkernbohrung des Tieftöners. Das Horn verdeckt den weich eingespannten und zusätzlich bedämpften 38er fast vollständig. Die Chassis-Technik hat unbestreitbare PA-Gene und ist zu pathologischen Pegel-Orgien fähig, aber das ist nicht der Grund, der Martion bewogen hat, auf dieses Chassis zu setzen.
Bekanntlich gab es zur aktiven Bullfrog einen passiven Vorgänger, seines Zeichens ein echtes Kultobjekt, das nicht mehr gebaut werden konnte, als der Hersteller des Bass-Treibers das Zeitliche segnete. Das einzige Produkt, das Martion nach langer Suche klanglich und technisch dazu überzeugen konnte, als Rohmaterial herzuhalten, war nun mal dieser PA-Treiber. Bullfrog003Schnell war aber auch klar, dass sich damit keine Neuauflage der alten Bullfrog würde realisieren lassen. Alle notwenigen Anpassungen des alten Konzeptes machen jetzt die neue Bullfrog aus: Gleiches Gehäuse aber aktiv, digital gefiltert,mit 4 Verstärkerzweigen. Die konzentrische Ringe sind tatsächlich konkav gefräst und sitzen nicht auf sondern vor (!) der Schallwand. Zusammen mit den roten Nasen im Zenttrum des Horns optimieren sie Wirkungsgrad und Abstrahlverhalten. Form folgt Funktion.

Nach einige Jahren an Erfahrung mit dem neuen Kind und brachte Martion dann schließlich noch eine passive Version der Bullfrog heraus – aber das ist eine andere Geschichte. Sie erzählt aber vor allem eines: Jeder Kunde soll bei Martion das Konzept bekommen, das zu ihm passt.

Das Produkt – Teil 2: Gehäuse und Ständer

Bullfrog001Seit der Ur-Bullfrog – bei der es der Legenda nach zunächst nur darum ging, eine hochwertige Party-PA in den Kofferraum eines VW Golf zu bekommen – also seit dieser Ur-Bullfrog hat sich am Gehäuse sebst kaum etwas geändert. Die ursprüngliche Form eine Würfels mit 45cm Kantenläge, hergestellt aus Birken-Multiplex, ist gleich geblieben. Auch die markanten Fasen die das Wandmaterial viel massiver erscheinen lassen, wurden beibehalten. Im Innern gibt eszum Ausgleich einiges an Verstrebungen – der Würfel hält was aus. Muss er auch, denn schließlich handelt es sich um ein geschlossenes System, das bis 120 dB noch sauber repoduzieren soll. Inklusive Chassis wiegt eine solche Kiste 23 KG.

Was die Oberflächen betrifft, so hat der Kunde die Qual der Wahl – Martions Schreiner liefert jede Farbe, gegen Aufpreis auch Hochglanz. Meine Exemplare sind seidenmatt weiß – die Birkemaserung schimmert dabei leicht durch – ein so schönes Material braucht man nicht zu verleugnen. Für einen Kunden in Australien wurden 2012/2013 Exemplare in Hochglanz Grau gefertigt – auch das sieht meiner bescheidenen Meinung nach sehr lecker aus.

Bullfrog004Wenn auch optional und gegen Aufpreis, so gehört der sangefüllte Ständer doch zum physikalischen Konzept. Er wiegt in etwa so viel wie der zu tragende Lautsprecher und ist mit diesem starr über eine massive Gewindestange verschraubt.Die starre Verbindung überträgt alle überschüssige Gehäuse-Energie auf den Ständer und damit auf den Sand, der im Innern seine Arbeit tut, indem er Bewegung in Wärme umsetzt. Alles was hier noch nicht umgewandelt werden kann, läuft in den runden Standfuß. Dieser entkoppelt über eine Art Sub-Chassis die Bullfrog vom Boden.

Die Rückseite kommt eher schmucklos daher: Eine Schraube (sie hält den Treiber auf Zug im Gehäuse) und eine 4-polige Speakon-Buchse, fertig!

Das Produkt – Teil 2: Die Elektronik (Variante 2014 und 2017)

Bullfrog006Die steuernde und treibende Elektronik meiner ersten Version war zweiteilig und konnte ihre Herkunft aus der Profi Ecke nicht verheimlichen. Martions Elektronik-Entwickler Christian Schulz-Kressin verwendete dazu das Grundgerüst einer 1600-Watt-PA-Endstufe. Deren Vorzüge sind kurz genannt: Class-AB-Verstärker, kein Schaltnetzteil, Stahlgehäuse mit Platz für Einbauten, betriebssicher, günstig. In einer doch recht aufwändigen Operation wird das 20 -Kilo-Trumm von allen fragwürdigen Bestandteilen wie Eingangsbuchsen, Reglern, Limiter und Lautsprecherklemmen befreit – in der Tat fliegt die ganze Eingangsstufe raus. Was bleibt, ist eine 2-Kanal-Leistunsgverstärker und das Netzteil mit geradezu monströsem Ringerkerntrafo. Die Endstufe wird auf 2x 350 Watt limitiert und darf die beiden Bässe füttern. Aus 2-Kanal wird außerdem noch 4-Kanal, es kommt ein eigens von Schulz-Kressin entwickletes Modul mit 2x 10 Watt Class A und eigenem Netzteil zusätzlich ins proppenvolle Gehäuse: Feinkost für die Hörner.

Auch das DSP hat vor der Hochzeit eine Schönheitsoperation hinter sich gebracht: Die Ausgangsstufe hat nunmehr einen funkfernbedienbaren Lautstärkeregler und ein proprietäres Signalkabel, im Bild als grauer Strang gut zu erkennen. Es gibnt Knöpfe, aber alle Einstellungen erfolgen komfortabler per Konfigurations-Software über USB.

Beide Teile werden bombenfest verschraubt und stehen jetzt hochkant (Konvektionskühlung) in einer Ecke meines Wohnzimmers. Meine Frau ist von der Erscheinung diese schwarzen Trumms nicht begeistert – die Fernbedienbarkeit per Funk und lange Kabel können hier aber Abhilfe bringen.

Noch etwas zum Verstärker: Es gibt zwei Gehäuselüfter, die Martion nicht stilllegen wollte. Betriebssicherheit geht vor. Doch die Konvektionskühlung funktioniert bei üblichen Hörlautstärken auch im Hochsommer so effektiv, dass ich die beiden Ventilatoren noch nie in Aktion erleben konnte. Trotzdem gibt es eine minimale Geräuschemission – der 1,2KW Ringkerntrafo ist nicht ganz brummfrei und teilt sich wegen der Nähe zu den Class-A-Endstufen auch über die Druckkammertreiber mit. Mit dem Ohr direkt am Lautsprecher und ohne Musiksignal ist ein leises Britzeln zu hören. Mit Musik spielt das dann keine Rolle mehr.

Mittlerweile (2017) habe ich der Elektronik ein Upgrade gegönnt – der Verstärker ist geblieben, obwohl Herr Martion jetzt eine Variante aus Hypex-Modulen anbietet. Der alte Recke klingt einfach zu gut. Nein, das Monacor-DSP musste einem MiniDSP weichen. High-Resolution-Audio, bessere Wandler, mehr Eingänge, schickeres Gehäuse, das waren überzeugende Argumente.

Kleiner Exkurs: Meine Wiedergabekette

Bullfrog008Ich bin Squeezebox-Fan der ersten Stunde, an den Server bin ich gewöhnt, seine Vorzüge hinsichtlich Konfigurierbarkeit und Performanz konnte mir kein anders System glaubhaft bieten. Drum war ich auch extrem sauer auf Logitech, die sich erdreisteten, Squeezebox-erfinder SlimDevices zu kaufen um ihn 2012 sterben zu lassen. Rettung nahte durch den Raspberry, der sich als wahre Universallösung anbot. Die von Hobbyisten entwickelte Mini-Distribution PiCorePlayer emuliert einen „Squeezebox-Receiver“ auf dem Raspberry und versorgt seit Jahren höchst zuverlässig meine vier Wiedergabeketten. HighRes, DSD, DXD, alles über WLAN – das funktioniert hervorragend, lassen Sie sich nix erzählen.

20170220_144327Hier  sehen Sie den aktuellen Raspberry 3 mit HifiBerry Digi+ im Stahlgehäuse. Die Signalübergabe erfolgt intern komplett störungsfrei per I2S.

Mein erster Bullfrog-Raspi ist darüber abgebildet. Seinerzeit nutzte ich noch ein M2Tech HiFace2, das über ein schlichtes SPDIF-Kabel von Cordial direkt ins DSP führte. Ganz nebenbei ist die USB-Verbindung in audiophiler Hinsicht beim Raspberry nicht die beste Wahl zumal am USB immer auch die Netzwerkschnittstelle hängt. Eine weitere Einschränkung bestand darin, dass das Monacor-DSP aus der Erstausstattung nur mit 48kHZ Samplig-Frequenz arbeitet und höhere Raten am Eingang nicht mal erkennt. Aus dieser Zeit stammt auch noch der Sample Rate Converter von Behringer, der mit guten Augen auch im Titelfoto zu erkennen ist. Meine umfangreiche Sammlung an DSD und High-Res-Aufnahmen musste bei dieser Konstruktion vom Raspberry on-the-fly erstmal auf 24/96 resampelt werden. Das brachte mir zwar gute Kenntnisse in der Filterkonfiguration mit der SOX-Library ein, hatte aber auch immer den Beigeschmack nicht so ganz die reine Lehre zu sein.

Mittlerweile (Stand Februar 2017) ist ein MiniDSP eingezogen. Und damit sind am Eingang bis zu 192kHz und intern reale 96kHz möglich. DSD muss weiterhin in PCM gewandelt werden. Das ist bei allen DSPs auf der ganzen Welt so. Und dann ist da ja noch der Mutec-Reclocker, auf den ich nicht mehr verzichten mag. Aktuell sieht die Kette nun so aus:

Server –WLAN–> Raspberry mit HifiBerry Digi+ –SPDIF–> Mutec MC-3+ Reclocker –AES/EBU–> MiniDSP –Orgon-Blue(analog)–> 4-Kanal-Endstufe

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Aufstellung, Raumanpassung und alltägliche Praxis

Martions Service besteht darin, dass die Systeme in der Regel auf die räumlichen und geschmacklichen Rahmenbedingungen des Kunden angepasst werden. Dabei kommen Jahrzehnte an Erfahrung und viele kleine Geheimnisse zum Tragen, Messtechnik ist nicht alles.  Letztlich funktioniert die Bullfrog dank aktiver Entzerrung und Punktschallquelle  in kleinen wie großen Räume, auch in komplizierten und halligen Situationen, sie klingt sogar bei wandnaher Aufstellung und besonders gut in Einfamilienhäusern auf dem Land. Für die Toleranz meiner Nachbarn kann ich mich nicht oft genug bedanken.

Mein Wohnzimmer misst knapp unter 20 Quadratmeter, hat eine verglaste Fensterfront und Holzfußboden. Die Lautsprecher stehen nicht symmetrisch im Raum. Dazu gibt es zwei nah beieinander liegende Raummoden. Von all dem ist nichts zu hören, was einerseits ein Segen ist, andererseits ein Fluch: Wiedergabesysteme ohne Raumanpassung mag ich mir kaum noch anhören.

Klangliche Eigenschaften

Bullfrog005Wie klingt sie denn nun? Beim ersten Kontakt fällt den meisten Hörern auf, dass es Spaß macht und sowohl spannend als auch entspannend ist, ihr zuzuhören. Damit unterscheidet sie sich gravierend von vielen Studiomonitoren, die zwar ebenso die Langzeittauglichkeit im Pflichtenheft stehen haben, bei denen aber allzuoft der Spaß zu kurz kommt. Die alte Bullfrog soll in der Spaß-Frage bisweilen etwas unzivilisiert agiert und lieber drei Kohlen mehr ins Feuer geschmissen haben. Nicht so die Neue – Kammermusik auf Flüsterpegel kann sie ebenso wie großes Orchester.

Martions Zauberwürfel ist klanglich neutral (wenn der Kunde es will) und verfärbungsfrei. Das merkt man vor allem bei Stimmen und Streichinstrumenten. Der Bass geht tief und ist extrem kontrolliert und präzise. Sie spielt unglaublich schnell, gerade im Bass. Optimierte Zeitrichtigkeit und die Punktschallquelle sorgen für einen tiefen wie präzise gezeichneten Raum, wobei hier die Präzision durch den Wechsel auf das MiniDSP noch deutlich gewonnen hat. Insgesamt zeichnet sich die Bullfrog durch eine gute Auflösungsfähigkeit aus. So knallt sie einem die Details nicht um die Ohren – sie sind wie selbstverständlich da. Bei all dem bleibt dieser Lautsprecher doch ein Horn: Impulse und Transienten haben Erschrecker-Potenzial, wenn die Aufnahme es so meint. Wenn nicht, dann nicht. Sie ist in dieser Beziehung etwas zahmer als Martions Einhorn, dessen konkurrenzlose Direktheit andere Raumgrößen und andere Geschmäcker anspricht.

Sie können hören, wenn sich Sänger vor dem Mikrofon um nur wenige Zentimeter bewegen (ja klar, nur bei Stimmenaufnahmen in Stereo) und Sie hören, ob Ihre Aufnahmen etwas taugen. Sie hören, ob jemand wirklich musiziert oder nur gute Produzenten hat. Sie hören Musik und denken nicht mehr über Technik nach.

Fazit

Auch nach drei Jahren kann ich nichts anderes schreiben, als dass ich mit der Bullfrog angekommen bin. Sie nimmt mir etwas den Spieltrieb, aber für so etwas hat man ja eine Zweit-Anlage mit Tonabnehmern, Cinch-Kabeln und Röhren zum Umstöpseln.

Die Bullfrog transportiert Emotion und musikalische Wahrheiten wie kein anderes System in dieser Preisklasse und ist in ihrer Anpassbarkeit konkurrenzlos. Nebenbei lernt man bei der Beratung einen tollen Menschen kennen und hört spannende Musik. Martion ist so gesehen eine Erfahrung – auf die ich nicht mehr verzichten mag.